Das Wort ist nicht die Sache selber

Oh Dinge gibt‘s, die sind so schwer,
die sind so groß als wie das Meer.
Dort lauscht die Sonne bei den Wellen
und hört erstarrten Klang im Eis.
Ihr Liebeswerben löst die starre Zunge
und Laute hat der Wind gegeben
und Schrift, die grub die See in Sand.*

Und heimlich lauscht der Menschen in Höhlen
und dann im Stalle, dann im Haus
und aus der Natur mit ihrem Klange
entwickelt Sprache sich heraus
und Form gab Schrift gesetzt in Zeichen
gemäß dem Sinn wie ein Gedicht.
Und war Natur hier nunmehr künstlerische Chiffre,
so war auch diese Dichtung aus dem Meer geboren
und allem nah,
auch dem Gesetz: dem Licht.

Doch ankern wir jetzt heut‘
in abgetrennten Worten,
nicht ahnend mehr ihr Werden und Vergeh‘n
so werden wir uns nicht versteh‘n.

* und Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen
entließ das Meer als „Schrift“ an Land.

Elle Ilgen, 16.01.2001

Wellenhand

Das Hören ist so alt wie Muschelwindung
Wir hör‘n das Meer aus Muschelschalen in der Hand.
Wie Wasserwellen brechen sie im Sande,
Milliarden Jahre wirkt die Wellenhand.

Sie gräbt sich ein in Felsenwände,
und neckt den Sand: „Ich fasse dich!“
Erbaut sich Wellen-Strudelwege
und frägt sie dann:
„Nun, hörst du mich?“

Elle, 31.8.1993

Wellen

Das Hören ist so alt wie Meeresrauschen
es windet sich wie Wellen um den Laut,
versinkt mit ihm in dunkle Ohrentiefen
und weckt Erinnerungen auf.

Ist‘s eine Spur, die einmal Welle war,
auf der wir gleiten zu des Sinnes Tiefe,
mir ist, als ob ich drunten etwas finde,
was lang gerufen und nun endlich ich erhört‘?

Bin ich ein kleiner Mond, an den die Wellen brausen?
So wie der große Vollmond im August,
der, selbst nur Stein und Wüstenstaub im Winde,
Zur sonne sagt: „Nun, deute mir das Lied!“

Sie spricht: „Nun, was ist Staub,
er kann so tot nicht sein,
er ist wie ausgeflockte Sonnentänze,
kristallen dichtes Wellenknäuel dann.
Und die Verschlingung war wie Funkensprühen
und schmolz sich einen Körper dann.

Wenn ich dich anschein‘, leuchtest du mir auf
und funkst Entsprechung ganz zu meinen Strahlen.
Es ist erwiesen, dass wir uns versteh‘n.
Und wenn du dann von Mal zu Malen
die eig‘nen Bahnen ziehen musst allein
in dunkler Nacht ganz ohne Sonnenstrahlen,
so schaltet sich dein Strahlenkörper ein.

Hörst du das Lied vom Wellenrauschen,
ist‘s nicht wie eine Spur im Wind,
du gleitest in des Dunkels Tiefen
und findest Sonnenwellen drin!“

Das Sehen ist so alt wie Sonnenflimmern,
es windet sich wie Wellen um den Sand,
versinkt in dunklen Tiefen seines Sinnes
und weckt dann die Erinnerung.

Elle, 31.8.1993