Geduld

Wir kennen lange nicht, was wir sind,
wir reichen in dunkle Tiefen,
doch immer schließlich sind sie da
die Geister, die wir riefen.

Lang, lang vor uns,
da buk man Gesetz
und kannte von da an das Böse
und schwur sich Rache
und rief nach (Schwarz – Weiß) dem Recht
und Helden gab‘s und Verstoßne.

Und was sie verdammt und was sie verbannt,
es lauert nun in den Tiefen
und sucht Gehör und ruft uns an
und hängt sich an unser Empfinden.

Wir fühlen den Mord und hören den Schrei
der Opfer, Gerächten und Rächer
und alles vermischt sich zum endlosen Fluch
und müde sind wir der Helden.

Wo sollen sie hin die Verdammten der Welt,
kann Strafe sie erlösen?
Wird etwas ungeschehen gemacht
selbst durch den Tod der Bösen?

Ist‘s dann, als wär es nie gescheh‘n,
aus unleugbarem Zufall einmal da
und dann verlöscht für immer?

Und wenn im kleinsten Wesen
das Ganze nun enthalten wäre?
Dann wär es ohne Zeit
und nichts verging durch den Tod,
doch durch Verwandlung?

Elle, 05.09.1994
nach dem Lesen von „Hamlet“ entstanden

Lied für 2 Töne (hoch + tief)

Einmal mit hohem Ton anfangen, einmal mit tiefem
Hoch führt zu „ruht“, Tief führt zu „weht“.

Ruhe / Wind – Stille

Alles dreht sich
alles dreht sich
alles windet sich um sich.

Alles windet, windet,
dreht sich,
Jahrmilliarden um sich selbst

Alles dreht sich,
windet, dreht sich,
alles windet sich um sich.

Alles dreht sich, windet,
dreht sich,
Jahrbillionen um sich selbst.

Alles faßt sich,
alles faßt sich
faßt zusammen sich
und ruht / und weht.

Elle, 29.03.1994

Wellenhand

Das Hören ist so alt wie Muschelwindung
Wir hör‘n das Meer aus Muschelschalen in der Hand.
Wie Wasserwellen brechen sie im Sande,
Milliarden Jahre wirkt die Wellenhand.

Sie gräbt sich ein in Felsenwände,
und neckt den Sand: „Ich fasse dich!“
Erbaut sich Wellen-Strudelwege
und frägt sie dann:
„Nun, hörst du mich?“

Elle, 31.8.1993

Dämmerung

Glatt wie ein Spiegel ist der See
im Lichte zwischen Tag und Nacht.
Ich lasse meine Blicke wandern
bis zu den schwarzen Tannenschatten,
die an den fernen Ufern wie Scherenschnitte steh‘n.

So hell und klar und blank
erschien die Landschaft mir am Tage nie,
wenn Dunstes Schleier zwischen allen Dingen hing,
und wenn selbst der kalte Stein nicht bleiben konnte wie er war,
weil alles sich im Sonnenstrom bewegte.

Der Tag, der strömend vollbewegte Gegenwart
verhüllte allzu leicht die Dinge mir, er hat nicht Zeit.
Es braucht die Dämmerung und kühle Ruhezeit,
in der sich alles Aufgenomm‘ne mischt und ansieht,
die Zeit der Tiefe und der Wurzeln;
sie zieht in die Versunkenheit und in die Nacht
und stellt die Fragen an das stumme Wissen
nach Bau und Wesen,
bis Einsicht anbricht dann
in einem dunklen, tiefen, hohen Traum,
die Antwort gibt, wo etwas sich zusammenfügend klärt
und tags darauf (heimlich still) sich zur Entfaltung bringt (drängt).

Elle, 15. August 1993