Das Wort ist nicht die Sache selber

Oh Dinge gibt‘s, die sind so schwer,
die sind so groß als wie das Meer.
Dort lauscht die Sonne bei den Wellen
und hört erstarrten Klang im Eis.
Ihr Liebeswerben löst die starre Zunge
und Laute hat der Wind gegeben
und Schrift, die grub die See in Sand.*

Und heimlich lauscht der Menschen in Höhlen
und dann im Stalle, dann im Haus
und aus der Natur mit ihrem Klange
entwickelt Sprache sich heraus
und Form gab Schrift gesetzt in Zeichen
gemäß dem Sinn wie ein Gedicht.
Und war Natur hier nunmehr künstlerische Chiffre,
so war auch diese Dichtung aus dem Meer geboren
und allem nah,
auch dem Gesetz: dem Licht.

Doch ankern wir jetzt heut‘
in abgetrennten Worten,
nicht ahnend mehr ihr Werden und Vergeh‘n
so werden wir uns nicht versteh‘n.

* und Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen
entließ das Meer als „Schrift“ an Land.

Elle Ilgen, 16.01.2001

Dämmerung

Glatt wie ein Spiegel ist der See
im Lichte zwischen Tag und Nacht.
Ich lasse meine Blicke wandern
bis zu den schwarzen Tannenschatten,
die an den fernen Ufern wie Scherenschnitte steh‘n.

So hell und klar und blank
erschien die Landschaft mir am Tage nie,
wenn Dunstes Schleier zwischen allen Dingen hing,
und wenn selbst der kalte Stein nicht bleiben konnte wie er war,
weil alles sich im Sonnenstrom bewegte.

Der Tag, der strömend vollbewegte Gegenwart
verhüllte allzu leicht die Dinge mir, er hat nicht Zeit.
Es braucht die Dämmerung und kühle Ruhezeit,
in der sich alles Aufgenomm‘ne mischt und ansieht,
die Zeit der Tiefe und der Wurzeln;
sie zieht in die Versunkenheit und in die Nacht
und stellt die Fragen an das stumme Wissen
nach Bau und Wesen,
bis Einsicht anbricht dann
in einem dunklen, tiefen, hohen Traum,
die Antwort gibt, wo etwas sich zusammenfügend klärt
und tags darauf (heimlich still) sich zur Entfaltung bringt (drängt).

Elle, 15. August 1993

Vollendung u. Dämmerung

Licht und Schatten
muß es geben,
soll das Bild vollendet sein,
wechseln müssen drum
im Leben
tiefe Nacht und Sonnenschein.

Ludwig Uhland

Licht und Schatten
muß sich mischen
soll ein Neues uns entsteh‘n.
Was vollendet,
muß sich wandeln,
soll die Welt sich
weiter dreh‘n.

Elle
10.8.1993

Vollendung u. Dämmerung