Energie

Sie ist der Baustoff, ist die Wände,
sie ist Raum und die Luft,
sie ist der Strom und Kabelbände,
sie ist der Kreislauf, ist die Gruft.

Sie ist die Hand und ist der Schalter,
der anknipst und der schaltet aus,
Sie ist Gedanke und der Denker,
Sie ist der Sinn und ist das Haus.

Sie ist der Himmel, ist die Erde,
Sie ist das Weltall, ist der Stein,
Sie ist die Flüsse, Wiesenauen,
Sie ist die Pflanze, Tier und Mensch.

Sie ist Gewebe ungebrochen
und auch der Auf- und Abbaustrom,
Sie ist der stets gewärt‘ge Umbau,
Sie ist der Umtrieb, ist der Dreh.

An Stätten, wo das Denken endet
und Zwecke unbekannt verwehn,
da ist sie Stille, ist sie Freiheit,
da ist sie neu und unnennbar.

Sie ist das Äuß‘re, ist das Inn‘re,
verborgen in dem tiefsten Kern,
Ist, was uns immerzu begleitet,
worin wir immerzu vergeh‘n.

Sie ist der Anfang, ist das Ende,
Sie ist der Umtausch, die Aktion,
Sie ist der Weg und die Bewegung,
Sie ist die Arbeit, ist der Lohn.

Sie ist das Sammeln, ist das Geben,
Sie ist der See und ist der Strom
Sie ist der Kreis, sie ist die Strahlung, das Streben
Sie ist die Spitze eines Doms.

Sie ist das Ruhen der Gedanken,
Sie ist der Schluss von Religion,
Sie ist das Ende aller Zeiten,
Sie ist die Organisation.

Sie ist …, sie ist …, was (sie) ist.

Elle Ilgen

Dämmerung

Glatt wie ein Spiegel ist der See
im Lichte zwischen Tag und Nacht.
Ich lasse meine Blicke wandern
bis zu den schwarzen Tannenschatten,
die an den fernen Ufern wie Scherenschnitte steh‘n.

So hell und klar und blank
erschien die Landschaft mir am Tage nie,
wenn Dunstes Schleier zwischen allen Dingen hing,
und wenn selbst der kalte Stein nicht bleiben konnte wie er war,
weil alles sich im Sonnenstrom bewegte.

Der Tag, der strömend vollbewegte Gegenwart
verhüllte allzu leicht die Dinge mir, er hat nicht Zeit.
Es braucht die Dämmerung und kühle Ruhezeit,
in der sich alles Aufgenomm‘ne mischt und ansieht,
die Zeit der Tiefe und der Wurzeln;
sie zieht in die Versunkenheit und in die Nacht
und stellt die Fragen an das stumme Wissen
nach Bau und Wesen,
bis Einsicht anbricht dann
in einem dunklen, tiefen, hohen Traum,
die Antwort gibt, wo etwas sich zusammenfügend klärt
und tags darauf (heimlich still) sich zur Entfaltung bringt (drängt).

Elle, 15. August 1993