Wellenhand

Das Hören ist so alt wie Muschelwindung
Wir hör‘n das Meer aus Muschelschalen in der Hand.
Wie Wasserwellen brechen sie im Sande,
Milliarden Jahre wirkt die Wellenhand.

Sie gräbt sich ein in Felsenwände,
und neckt den Sand: „Ich fasse dich!“
Erbaut sich Wellen-Strudelwege
und frägt sie dann:
„Nun, hörst du mich?“

Elle, 31.8.1993

Wellen

Das Hören ist so alt wie Meeresrauschen
es windet sich wie Wellen um den Laut,
versinkt mit ihm in dunkle Ohrentiefen
und weckt Erinnerungen auf.

Ist‘s eine Spur, die einmal Welle war,
auf der wir gleiten zu des Sinnes Tiefe,
mir ist, als ob ich drunten etwas finde,
was lang gerufen und nun endlich ich erhört‘?

Bin ich ein kleiner Mond, an den die Wellen brausen?
So wie der große Vollmond im August,
der, selbst nur Stein und Wüstenstaub im Winde,
Zur sonne sagt: „Nun, deute mir das Lied!“

Sie spricht: „Nun, was ist Staub,
er kann so tot nicht sein,
er ist wie ausgeflockte Sonnentänze,
kristallen dichtes Wellenknäuel dann.
Und die Verschlingung war wie Funkensprühen
und schmolz sich einen Körper dann.

Wenn ich dich anschein‘, leuchtest du mir auf
und funkst Entsprechung ganz zu meinen Strahlen.
Es ist erwiesen, dass wir uns versteh‘n.
Und wenn du dann von Mal zu Malen
die eig‘nen Bahnen ziehen musst allein
in dunkler Nacht ganz ohne Sonnenstrahlen,
so schaltet sich dein Strahlenkörper ein.

Hörst du das Lied vom Wellenrauschen,
ist‘s nicht wie eine Spur im Wind,
du gleitest in des Dunkels Tiefen
und findest Sonnenwellen drin!“

Das Sehen ist so alt wie Sonnenflimmern,
es windet sich wie Wellen um den Sand,
versinkt in dunklen Tiefen seines Sinnes
und weckt dann die Erinnerung.

Elle, 31.8.1993

Energie

Sie ist der Baustoff, ist die Wände,
sie ist Raum und die Luft,
sie ist der Strom und Kabelbände,
sie ist der Kreislauf, ist die Gruft.

Sie ist die Hand und ist der Schalter,
der anknipst und der schaltet aus,
Sie ist Gedanke und der Denker,
Sie ist der Sinn und ist das Haus.

Sie ist der Himmel, ist die Erde,
Sie ist das Weltall, ist der Stein,
Sie ist die Flüsse, Wiesenauen,
Sie ist die Pflanze, Tier und Mensch.

Sie ist Gewebe ungebrochen
und auch der Auf- und Abbaustrom,
Sie ist der stets gewärt‘ge Umbau,
Sie ist der Umtrieb, ist der Dreh.

An Stätten, wo das Denken endet
und Zwecke unbekannt verwehn,
da ist sie Stille, ist sie Freiheit,
da ist sie neu und unnennbar.

Sie ist das Äuß‘re, ist das Inn‘re,
verborgen in dem tiefsten Kern,
Ist, was uns immerzu begleitet,
worin wir immerzu vergeh‘n.

Sie ist der Anfang, ist das Ende,
Sie ist der Umtausch, die Aktion,
Sie ist der Weg und die Bewegung,
Sie ist die Arbeit, ist der Lohn.

Sie ist das Sammeln, ist das Geben,
Sie ist der See und ist der Strom
Sie ist der Kreis, sie ist die Strahlung, das Streben
Sie ist die Spitze eines Doms.

Sie ist das Ruhen der Gedanken,
Sie ist der Schluss von Religion,
Sie ist das Ende aller Zeiten,
Sie ist die Organisation.

Sie ist …, sie ist …, was (sie) ist.

Elle Ilgen

Rosen auf dem Markt

Wollte eine Rose seh‘n,
Rosa damaszena,
Gärtner hörte „Bahnhof“ nur
und „Mercedes“.

Wo ist der Duft der Rosen hin,
Wo ist er geblieben?
Gärtner liebt die Pflanzen nicht,
was ist gescheh‘n?

Auf den Märkten stehen sie,
Blumen aus dem Pappkarton,
wo ist ihr Leben hin,
wo ist ihr Leben hin?

***

Wollte einen Menschen seh‘n,
einen so wie Du und ich,
Mensch sah durch mich hindurch
und ging vorbei.

Wo ist der Sinn der Menschen hin,
wo ist er geblieben?
Mensch liebt den Menschen nicht,
was ist gescheh‘n?

In den Straßen gehen sie,
Menschen ausgenützt und leer.
Wo ist ihr Wesen hin,
wo ist ihr Wesen hin?

***

An der Zukunft Dämmersaum
steht des Dichters Menschentraum:
Dass alle Nützlichkeit
Sich mit dem Spiel vereint.

Einmal wird es Einsicht sein,
daß Profit nicht macht‘s allein,
dann wirds die Regel sein
das schöne Einfachsein.

Luxus wird dann innen sein,
wo die Freude ist daheim,
Einsicht (Zeit wird) das Mittel sein,
zu lösen Rätsel ein.

„Masse Mensch“ wird nicht mehr sein,
jeder steht für sich allein
und wird genesen sein,
um Mensch für Mensch zu sein.

Elle, 24. August 1993

Dämmerung

Glatt wie ein Spiegel ist der See
im Lichte zwischen Tag und Nacht.
Ich lasse meine Blicke wandern
bis zu den schwarzen Tannenschatten,
die an den fernen Ufern wie Scherenschnitte steh‘n.

So hell und klar und blank
erschien die Landschaft mir am Tage nie,
wenn Dunstes Schleier zwischen allen Dingen hing,
und wenn selbst der kalte Stein nicht bleiben konnte wie er war,
weil alles sich im Sonnenstrom bewegte.

Der Tag, der strömend vollbewegte Gegenwart
verhüllte allzu leicht die Dinge mir, er hat nicht Zeit.
Es braucht die Dämmerung und kühle Ruhezeit,
in der sich alles Aufgenomm‘ne mischt und ansieht,
die Zeit der Tiefe und der Wurzeln;
sie zieht in die Versunkenheit und in die Nacht
und stellt die Fragen an das stumme Wissen
nach Bau und Wesen,
bis Einsicht anbricht dann
in einem dunklen, tiefen, hohen Traum,
die Antwort gibt, wo etwas sich zusammenfügend klärt
und tags darauf (heimlich still) sich zur Entfaltung bringt (drängt).

Elle, 15. August 1993

Vollendung u. Dämmerung

Licht und Schatten
muß es geben,
soll das Bild vollendet sein,
wechseln müssen drum
im Leben
tiefe Nacht und Sonnenschein.

Ludwig Uhland

Licht und Schatten
muß sich mischen
soll ein Neues uns entsteh‘n.
Was vollendet,
muß sich wandeln,
soll die Welt sich
weiter dreh‘n.

Elle
10.8.1993

Vollendung u. Dämmerung